| • • • Brasil Infos • • • Wirtschaft • • • Brasilianische Wirtschaft 1. Grundlagen – Übersicht 2. Wirtschaft 2.1 Wirtschaftsstruktur 2.2 Wirtschaftspotential 3. Wirtschaftliche Entwicklung / Wirtschaftswachstum 4. Binnenwirtschaft 5. Wirtschaftssektoren 5.1 Industrie 5.2 Landwirtschaft 5.3 Bergbau 5.4 Energie 5.5 Finanzsektor 6. Außenwirtschaftsbeziehungen 6.1 Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland 7. Wirtschafts- und Finanzpolitik 8. Geld- und Währungspolitik 9. Entwicklungspolitik 10. Perspektiven und Herausforderungen
1. Grundlagen – Übersicht
Brasilien zählt zu den bedeutendsten Schwellenländern. Die dynamische, in vielen Sektoren bereits weit entwickelte Volkswirtschaft des Landes nimmt weltweit den 8 . Platz ein. Sie steht auf starken Füßen: einem bedeutenden Binnenmarkt und wachsender Exportstärke, einem großen Ressourcenpotential, der Erzeugung in Landwirtschaft und Industrie sowie einem wachsenden Dienstleistungssektor. Zugleich bleiben in Teilbereichen Widersprüchlichkeiten zwischen Erster und Dritter Welt, sowohl in den regionalen Ungleichgewichten zwischen einem vergleichsweise entwickelten Südosten und Süden und einem dahinter zurückgebliebenen Nordosten und Norden, in einer stark ungleichen Eigentums- und Einkommensverteilung sowie hochmodernen Unternehmensbereichen und traditionellen, informellen Wirtschaftssektoren. Rohstoffreichtum und –export kennzeichneten Brasilien seit kolonialen Tagen: zunächst Brasilholz, Zuckerrohr, Gold, Edelsteine, im 19. Jahrhundert ergänzt um Kautschuk und Kaffee, im 20. Jahrhundert der Abbau von Bergbauprodukten, insbesondere Eisenerz, und mit dem Aufbau einer nationalen Industrie deren zunehmende Verarbeitung im Lande sowie die Erschließung von Rohölquellen. Bei Öl hat Brasilien unterdessen nicht nur ein Selbstversorgungsniveau erreicht, sondern bereitet sich infolge bedeutender neuer Funde vor der Küste des Landes auf erhebliche Exporte vor. Die Landwirtschaft – mit 6 % an der nationalen Wirtschaftleistung beteiligt – nimmt bei der Erzeugung von Soja, Zucker, und daraus gewonnenem KfZ-Treibstoff Ethanol, Kaffee, Orangensaft sowie der Produktion von Rindfleisch und Geflügel Spitzenplätze der Weltrangliste ein. Die Industrie, seit den 30er Jahren vom Staat umfassend gefördert, ist breit gefächert und erstellt fast die Hälfte aller Exporte. Ihre besonderen Stärken liegen im KfZ- und Flugzeugbau, im Stahlsektor, in der Kraftwerkstechnik, bei Maschinen, Ausrüstungen und Elektronik sowie in der Textil- und Lederwarenfertigung. Im Dienstleistungssektor ist ein leistungsfähiges und dynamisches Banken- und Telekommunikationsnetz zu verzeichnen.
2. Wirtschaft
2.1.Wirtschaftsstruktur Brasilien verfügt über ein großes Wirtschaftspotential und eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur. Der Agrarsektor trägt mit 6 %, die Industrie mit 27% und der Dienstleistungssektor mit 67 % zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Rechnet man Weiterverarbeitung, Handel und Transport von Agrarprodukten hinzu, hat das Agrobusiness für die brasilianische Wirtschaft weiter eine zentrale Bedeutung. Die Wirtschaftskraft des Landes ist weiterhin wesentlich im Südosten und Süden angesiedelt. In der Südost-Region sind entsprechend mehr als die Hälfte der Beschäftigten und 62 % der Wertschöpfung der Industrie konzentriert, gefolgt vom Süden des Landes mit 25 % Beschäftigten- und 18% Wertschöpfungsanteil. Allerdings konnten der Süden und der Nordosten (insbesondere Bahia und Ceará) in den letzten Jahren ihre jeweiligen Anteile etwas steigern. 69% der industriellen Wertschöpfung wird von Unternehmen mit über 500 Beschäftigten erbracht, während Kleinunternehmen mit 5-29 Beschäftigten lediglich mit 5% dazu beitragen. Andererseits machen Unternehmen mit unter 9 Beschäftigten rd. 90% aller unternehmerischen Einheiten aus. Die informelle Wirtschaft ist für Brasilien weiterhin von erheblicher Bedeutung. Nach Erhebungen der Getulio-Vargas-Stiftung trug sie 2009 noch mit rd. 18% zum Bruttosozialprodukt bei, nachdem dieser Anteil 2003 noch bei 21% lag. Dies lässt auf ein stärkeres Wachstum der formellen Wirtschaft schließen und auch auf eine wachsende Integration der Arbeitskräfte in geregelte, formale Beschäftigungsverhältnisse. Auf die unternehmerische Dynamik in Brasilien weist ein weiterer Indikator hin: 38 % aller Unternehmen sind in den letzten 4 Jahren gegründet worden; auf sie entfallen 43 % aller Beschäftigten (Statistisches Bundesamt IBGE: Unternehmenserhebung 2008). Trotz der zunehmenden Öffnung der brasilianischen Wirtschaft und ihrer Integration in die Weltwirtschaft seit den 90er Jahren hat Brasilien als kontinentaler Flächenstaat mit einem Anteil extern gehandelter Güter am Bruttoinlandsprodukt von 23% (Exportquote 11 %, Importquote 12 % ;2010) im internationalen Ländervergleich weiterhin einen relativ niedrigen Offenheitsgrad.
2.2. Wirtschaftspotential Zu den bedeutenden Wirtschaftspotentialen Brasiliens zählen die umfangreichen Rohstoffressourcen, die eine wachsende Nachfrage am Weltmarkt haben, zunehmend aus China, Indien und sonstigen Schwellenländern, eine de facto Selbstversorgung beim Erdöl, expandierende Weiterverarbeitungskapazitäten im Lande selbst, Aufgeschlossenheit gegenüber Auslandsinvestitionen und Innovationen, Produktivitätsfortschritte in modernen Wirtschaftssektoren, Bereitschaft zu Anpassungen an die Anforderungen des Weltmarktes, einsatzfreudige und lernbereite Arbeitskräfte sowie flexible Mechanismen zur Lösung von Konflikten in Wirtschaft und Verwaltung. Der Ausbau der infrastrukturellen Ausstattung in den letzten zwei Jahrzehnten ist eindrucksvoll, muss aber weiter gesteigert werden, um den Anforderungen einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung gerecht zu werden. Ebenso sind verstärkte Investitionen in Bildung und Wissenschaft, in technologische Innovationen, der Abbau bürokratischer Hemmnisse und sonstiger produktivitätshemmender Faktoren sowie der weitere Ausbau einer sozialverträglichen Wirtschaftsordnung erforderlich, um das enorme Wirtschaftspotential des Landes nachhaltig zu entwickeln. Eine Studie des brasilianischen Industrieverbandes zur Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Wirtschaft im Jahre 2010 hebt folgende Engpässe besonders hervor: eine vergleichsweise geringe Arbeitsproduktivität und Rigiditäten am Arbeitsmarkt, hohe Kapitalkosten, schlechte Qualität der Transportinfrastruktur und hohe direkte und indirekte Besteuerung. Hinzukommen eine relativ niedrige Kapitalbildungsquote, ein hoher realer Wechselkurs sowie eine verbesserungsbedürftige Qualität des Bildungswesens.
3. Wirtschaftliche Entwicklung / Wirtschaftswachstum
Brasiliens Wirtschaft konnte sich nach einem kurzen Einbruch 2009 (BIP-Rückgang –0,6%) überraschend schnell von der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 erholen. Ein stabiler Finanzsektor, ein breiter Inlandsmarkt, günstige Exportbedingungen auf den Rohstoffmärkten sowie signifikante Devisenreserven bildeten förderliche Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung. Die konsolidierten Werte stützten die Wirtschaft gegen Turbulenzen, zumal der brasilianische Finanzmarkt im Vergleich zu den USA oder Europa wenig mit toxischen Wertpapieren durchsetzt war. Die Zentralbank hat mit geld- und währungspolitischen Maßnahmen entlastend gewirkt, und die Regierung trug mit dosierten fiskalischen Impulsen zur Wirtschaftsbelebung bei. Mit der höchsten Wachstumsrate von 7,5 % seit 1986 konnte Präsident Lula damit seine Amtsperiode erfolgreich im Jahr 2010 beenden. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stieg im Jahre 2010 auf R$ 19.016 bzw. US$ 10.866. Wachstumsimpulse ergaben sich insbesondere aus der Industrie (+ 10%), gefolgt von Landwirtschaft (+6,5%) und dem Dienstleistungssektor. Auch die sonstigen zentralen ökonomischen Indikatoren waren präsentabel: Die Inflationsrate blieb mit 5,9 % noch im Zielkorridor und der Überschuss des Primärhaushaltes von 2,5 % des BIP lag nur geringfügig unterhalb der angestrebten Größenordnung. Die Außenwirtschaftssituation brachte allerdings neue Herausforderungen: Bedingt durch die spürbare Aufwertung des Wechselkurses und der stark wachsenden Binnennachfrage stiegen die Importe deutlich stärker an (+ 42%) als die Exporte (+32%), so dass sich der Handelsbilanzüberschuss auf $ 20 Mrd. verringerte, vor allem aber das Leistungsbilanzdefizit infolge der erheblichen Überweisungen von Kapitalerträgen auf$ 48 Mrd. (-2,3% des BIP) anstieg. Dieses Defizit wird zwar durch Kapitalzuflüsse aus Direktinvestitionen (+ $ 37 Mrd.) und vor allem Portfolio-Investitionen (+ 65 Mrd.) mehr als ausgeglichen, so dass sich die Währungsreserven des Landes weiter auf $ 289 Mrd. erhöhten. Allerdings können spekulative Devisenzuflüsse nicht nur zur Aufwertung beitragen, sondern durchaus auch Nährboden für finanzielle Instabilitäten bilden. Entsprechend ist die Regierung um eine Eindämmung solcher Zuflüsse bemüht. Die hohe Inlandsnachfrage, ein gewisser inflatorischer Druck und die Aufwertungstendenzen haben die Regierung zu dämpfenden geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen veranlasst. Entsprechend gehen die Prognosen für das Jahr 2011 von einem geringeren Wachstum aus (4,5%). Auf mittlere Sicht wird ein stabiler Wachstumspfad von 4-6% angestrebt.
4. Binnenwirtschaft
Die Binnenwirtschaft hat sich in den letzten Jahren spürbar belebt. Die Binnennachfrage – privater Konsum, öffentlicher Verbrauch und Kapitalbildung – stieg 2010 nominal um 15 % und war damit wesentliche Antriebskraft des wirtschaftlichen Wachstums. Die größere Kaufkraft der Bevölkerung basiert auf erhöhten Realeinkommen, zu der die gestiegene Beschäftigung am Arbeitsmarkt beiträgt. Eine wachsende Industrieproduktion und eine hohe Auslastung ihrer Kapazitäten ließ die Zahl der formellen Arbeitsplätze in diesem Sektor steigen. Insgesamt erhöhte sich die Beschäftigtenzahl nach offiziellen Angaben 2010 um 2,5 Mio. Entsprechend sank die Quote der registrierten Arbeitslosen in den 6 größten Metropolen des Landes im letzten Jahr von 7,3 auf 5,3%. Nachfragewirksam machten sich ferner die Einkommenstransfers der Regierung Lula zugunsten der ärmeren Bevölkerung im Rahmen des Programmes „Bolsa-Familia“ bemerkbar, die auch unter der neuen Regierung Dilma Rousseff fortgeführt werden. Die lebhafte private und öffentliche Nachfrage stimulierte die Konsum- und Kapitalgüterindustrie. Die Brutto-Anlageinvestitionen wuchsen 2010 um rd. 22 % und gaben der Industrieproduktion wichtige Impulse. Die Investitionsquote Brasiliens stieg dadurch auf 18,4 % des BIP, sie ist aber im Vergleich zu asiatischen Wachstumsländern weiterhin niedrig und muss deutlich angehoben werden, um langfristig ein hohes Wirtschaftswachstum zu sichern. Bei den Investitionen schlagen auch die erheblichen ausländischen Direktinvestitionen zu Buche (2010: $ 49 Mrd. Netto-Direktinvestitionen), die zur Stärkung des produktiven Sektor und der Infrastruktur beitragen. Für die Verbesserung der Basisinfrastruktur sind aber auch weiterhin die Investitionen der öffentlichen Hand von maßgeblicher Bedeutung.
5. Wirtschaftssektoren
5.1. Industrie Das derzeitige wirtschaftliche Wachstum wird maßgeblich von der Industrie getragen. Der Anstieg der Produktion des verarbeitenden Sektors erreichte 2010 10 % und erstreckte sich auf zahlreiche Branchen. Die höchsten Zuwachsraten wiesen mit 16% der extraktive Bergbau, die Bauindustrie (12%) und die verarbeitende Industrie (10%) auf. Die KfZ-Produktion stieg 2010 um 15% auf 3,7 Mio. Einheiten. Brasilien hat seine Produktionskapazitäten in der Stahlindustrie in den letzten Jahren stark ausgeweitet und steht heute an 9. Stelle in der Welt-Stahlproduktion. Die ansteigende Investitionstätigkeit im Lande hat auch den Maschinenbau deutlich belebt. Die positive industrielle Entwicklung wird dadurch unterstrichen, dass die Kapazitätsauslastung mit über 85 % sich weiter auf hohem Niveau befindet. Der starke Zuwachs in der Kapitalgüterindustrie (2010: + 22%) lässt darauf schließen, dass Kapazitätsausbau und Modernisierung in der brasilianischen Industrie weiter vorangetrieben werden. Allerdings lassen die etwas schwächeren Zuwächse des Industriesektors gegen Jahresende 2010 – zur Abkühlung tragen steigende Zinsen und ein hoher Wechselkurs bei - für das Jahr 2011 etwas geringere Wachstumsimpulse erwarten.
5.2. Landwirtschaft Auch die Landwirtschaft hat sich 2010 erneut positiv entwickelt (+ 6,5 %). Hierzu trugen eine wachsende inländische Nachfrage und dynamische Exporte bei. Die Landwirtschaft erbringt rd. 6 % des BIP. Geht man jedoch vom Agrobusiness-Konzept aus, das alle mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen verbundenen Aktivitäten wie Produktion, Verarbeitung, Verteilung, Lagerung, Transport, Inputs, landwirtschaftliche Technologien etc. umfasst, trägt der agroindustrielle Komplex mit rd. einem Drittel zum BIP und zur Beschäftigung sowie mit 38 % zu den Exporten bei. Das Agrobusiness ist mithin einer der bedeutendsten, wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftssektoren des Landes. Mit $ 76 Mrd. erreichten die Exporte dieses Sektors 2010 einen historischen Rekordwert. Hieran ist vorrangig die großflächige Landwirtschaft beteiligt. Die hohe landwirtschaftliche Konzentration lässt sich aus folgenden Daten erkennen: auf rd. 10 % der Eigner entfallen etwa 80 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Zuckerrohr, Soja und Vieh werden auf großen Flächen mit oft modernster Technik angebaut bzw. gehalten. Große Flächen mit hoher Besitzkonzentration sind im zentralen Osten des Landes (insb. Mato Grosso und Goiás) sowie im Norden (vor allem Pará und Tocantins) hinzugekommen. Andererseits bewirtschaften etwa 4 Mio. kleine und mittlere Betriebe mit 13 Mio. Beschäftigten eine Fläche von 20 % des Landes. Die Hälfte aller Grundeigentümer verfügt mit weniger als jeweils 10 ha über insgesamt nur 2,2 % der landwirtschaftlichen Fläche. Hierbei handelt es sich häufig um Minifundien, die oft kaum zur Subsistenzsicherung ausreichen. Landlose bilden ein erhebliches Konfliktpotential. Großflächige Monokulturen und Flächenausweitungen in umweltrelevante Naturräume, darunter auch in den amazonischen Regenwald, stellen z.T. erhebliche ökologische Herausforderungen dar. Auch für das laufende Jahr wird weiter mit einem wachsenden inländischen Konsum, hoher internationaler Nachfrage und hohen Weltmarktpreisen für wichtige landwirtschaftliche Exportgüter Brasiliens gerechnet. Weniger günstig stellt sich die Situation für die kleinbäuerlichen Familienbetriebe und für die Landlosen dar. Die Regierung ist bemüht, durch spezielle Förderprogramme (PRONAF) die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen. Konflikte ergeben sich weiterhin im Zusammenhang mit den Forderungen der Landlosen- und Landarbeiterbewegung.
5.3. Bergbau Der Bergbau nimmt eine wichtige Stellung in der Wertschöpfung der Industrie und im Export ein. Eine wachsende internationale Nachfrage und steigende Rohstoffpreise gaben dem Sektor in den letzten Jahren starke Impulse. Abgesehen von Erdöl sind die wichtigsten Bergbauprodukte Eisen, Mangan, Kohle, Bauxit, Nickel, Zinn, Silber, Diamanten, Gold und Uran. Brasilien steht weltweit mit an der Spitze als Produzent von Eisenerz, Bauxit und Manganerz. 60% aller Edelsteine stammen aus Brasilien. Mit der weltwirtschaftlichen Belebung ist der extraktive Bergbau 2010 um 16% stark gewachsen und konnte dabei besonders von den steigenden Preisen für Erdöl und Erze profitieren. Der Sektor erzielte Erlöse von $ 157 Mrd. Mineralische Exporte machten 2010 $ 51 Mrd. bzw. 25 % der Gesamtexporte aus. Innerhalb des Bergbausektors hat die Produktion von Eisenerz das größte Gewicht. Sie erreichte 2010 rd. 370 Mio to und hatte damit einen Anteil von 16% an der Weltproduktion. Eisenerz-Exporte trugen mit $ 29 Mrd. zu 14% zum Gesamtexport bei. Auf Vale – dem zweitgrößten Bergbau-Unternehmen weltweit und größtem brasilianischen Exporteur – entfielen davon allein $ 24 Mrd. Hauptabnehmerländer bergbaulicher Produkte sind die USA, China, Japan und Argentinien. Im Februar 2011 hat die neue Regierung den Langfristplan für die Entwicklung des Bergbausektors (Plano Nacional de Mineracao 2030) veröffentlicht. Er sieht für die kommenden zwei Jahrzehnte Investitionen von $ 350 Mrd. vor, die im wesentlichen vom Privatsektor erbracht werden sollen. Geplant sind ferner die Schaffung einer Agencia Nacional de Mineracao und eines Conselho Nacional de Política Mineral, die Konsolidierung des regulatorischen Rahmens für den Bergbau und eine neue Politik für Royalties.
5.4. Energie Brasilien kann sich bei seiner Energieversorgung (Wachstumsrate 2010: +10%) zu 46% auf erneuerbare Energie stützen. Die bedeutendste Energiequelle mit 38% ist aber weiterhin das Erdöl, gefolgt von Zuckerrohr und Wasserkraft. Das Land ist seit 2006 bei der Erdölversorgung insgesamt Selbstversorger. Auf der Basis eigener Vorkommen und weiterer Investitionsprogramme der unterdessen zu 60 % im Privatbesitz befindlichen Erdölgesellschaft Petrobras soll sich die brasilianische Erdölproduktion von derzeit ca. 2,7 Mio. Barril pro Tag auf rd. 5,4 Mio. Barril bis 2020 verdoppeln. Ein großer Teil der Reserven liegt im Tiefsee-Bereich des Atlantiks, wo bis zu 100 Mrd. Barrel Öl vermutet werden.Petrobras verfügt über das notwendige Know-how für die Exploration, muss dabei aber auch mit steigenden Produktionskosten rechnen. Durch Naturgas werden rd. 10% des Energiebedarfs gedeckt. Aus eigenen Quellen kann Brasilien knapp die Hälfte seines Gasverbrauches sichern, zusätzlich ist der Gasimport aus Bolivien bedeutsam. Das Land bemüht sich um die Entwicklung weiterer eigener Quellen und eine Diversifizierung des Imports. Ein weiteres wichtiges Standbein bei den Brennstoffen stellt die Ethanol-Produktion auf Zuckerrohr-Basis dar, die Brasilien nach der ersten Energiekrise Anfang der 70er Jahre im großen Umfang entwickelt hat. Das Land erzeugt heute mit hoher Wettbewerbsfähigkeit rd. ein Drittel der Weltzuckerproduktion auf einer Fläche von ca. 6 Mio ha, davon werden über 50 % für die Ethanolproduktion verwendet. Brasilien ist mit 27,7 Mrd. Litern hinter den USA weltweit der zweitgrößte Produzent von Ethanol, im Durchschnitt der letzten Jahre wurden hiervon rd. 15 % exportiert. Bedingt durch ungünstige Preisrelationen fiel dieser Anteil 2010 auf 7%. Steigende Erdölpreise der letzten Jahre und die Entwicklung von Flex-Fuel-Motoren für beliebige Mischungen aus Ethanol und Erdöl haben zu einer wachsenden Bedeutung von Ethanol am brasilianischen KfZ-Markt geführt. Ethanol deckt bereits mehr als 20 % des Treibstoffbedarfs des Landes. Autos mit Flex-Fuel-Motoren haben inzwischen einen Anteil am Neuwagen-Markt von 78 %. In Brasilien ist die Ethanolproduktion ab einem Erdölpreis von US $30 - 40 pro Barrel wirtschaftlich (derzeit liegt er bei rd. US $ 100). Produktion und Export von Ethanol werden in den nächsten Jahren spürbar ansteigen. Ergänzend strebt Brasilien einen zunehmenden Einsatz von Biodiesel an und hat eine Biodiesel-Beimischung von 5 % festgelegt. Etwa 60% des in Brasilien produzierten Biodiesel entstammen aus Soja, nur circa 20% aus Rizinus und 20% aus verschiedenen anderen Ölsaaten wie Palmöl, Sonnenblumen oder Baumwolle. Die gegenwärtige Produktionskapazität beträgt 1,6 Mr.Liter. Energie- und Ökobilanz fallen bei Biodiesel ungünstiger aus als bei Ethanol. Bei der Stromerzeugung stützt sich Brasilien zu 81 % auf Wasserkraft, 3 % Gas, 4,5 % Biomasse, 2,5 % Erdöl und 2,6 % Atomkraft (2010). Die bestehenden zwei Atomkraftwerke sollen um 4 neue erweitert werden. Die Uranreserven des Landes belaufen sich auf 1,3 Mio Tonnen. Das weitere wirtschaftliche Wachstum der nächsten Jahre kann nur bei einem deutlichen Ausbau der Erzeugungskapazitäten des Stromsektors gewährleistet werden. Hier fallen vor allem zusätzlich geplante Wasserkraftwerke ins Gewicht. Insbesondere bei den in Amazonien geplanten neuen Wasserkraftwerken ergeben sich komplexe Umweltfragen. Die brasilianische Regierung ist bemüht, die Nutzung alternativer Energie zu entwickeln und fördert dies im Rahmen des Proinfra-Programmes.
5.5.Finanzsektor Der brasilianische Finanzsektor ist aufgrund der makroökonomischen Stabilität des Landes vergleichsweise gefestigt und weist ein erhebliches Wachstumspotential auf. Er wird stark durch nationale Finanzinstitute und den Wertpapiermarkt geprägt. Ausländische Institute haben sich im wesentlichen über Beteiligungen und Übernahmen im Finanzsektor etabliert. Die Banco Central do Brasil verfügt über die für eine Zentralbank üblichen geld- und währungspolitischen Instrumente und über ein relativ hohes Maß an Selbständigkeit. Mitte 2010 waren insgesamt 2315 Finanzinstitute im Lande tätig, darunter 1388 Kreditgenossenschaften. Öffentliche Banken spielen mit einem Anteil von 42 % am Kreditvolumen (2010) eine große Rolle, darunter die staatliche Geschäftsbank Banco do Brasil, die Caixa Econômica sowie die Entwicklungsbank BNDES und die Banken der Einzelstaaten. Nationale Privatbanken sind mit 39 % beteiligt. Die öffentlichen Finanzinstitutionen, darunter insbesondere die BNDES, wiesen in den letzten Jahren die stärksten Zuwachsraten auf. Zu den größten brasilianischen Privatbanken zählen Bradesco, Itaú Unibanco Holding sowie Banco Real, die auch international operieren. Banken mit dominierender Auslandsbeteiligung stellen rd. ein Fünftel des Kreditvolumens bereit. Die Indikatoren des brasilianischen Bankensektors sind stabil und weisen auf eine gute Ertragslage hin. Der Prozentsatz rückständiger Kredite lag 2010 bei 4,3%. Der Deckungsgrad hierauf hatte einen Faktor von 1,58. Positiv sind die verlängerten durchschnittlichen Kreditlaufzeiten und die Gewinnung neuer Kreditkunden zu veranschlagen. Aktien- und Anleihemarkt expandieren. Bovespa in São Paulo ist die größte und leistungsfähige Börse des Landes und die bedeutendste in ganz Lateinamerika. Internationale Kapitalbewegungen unterliegen keinen Beschränkungen.
6. Außenwirtschaftsbeziehungen
Die brasilianische Außenwirtschaft hat in den letzten Jahren stark an Dynamik und Bedeutung gewonnen, auch wenn der externe gehandelte Güteranteil von 23 % am BIP im internationalen Vergleich weiterhin vergleichsweise niedrig ist ( China: 45 %) . Gestützt von einer günstigen Weltkonjunktur und einer wachsenden Nachfrage auch aus den Schwellenländer haben die brasilianischen Exporte eine dynamische Entwicklung genommen. Brasilien hat eine diversifizierte Struktur von Handelspartnern, wobei China und lateinamerikanische Länder an Bedeutung gewonnen haben, während die USA relativ an Gewicht verloren hat. Die brasilianischen Exporte stiegen in den letzten 5 Jahren im Jahresdurchschnitt jeweils um rd. 11 % und erreichten 2010 trotz starker Aufwertung des Reals $ 202 Mrd. Hierzu trugen sowohl industrielle Produkte (Transportgüter, Metallerzeugnisse etc.) als auch Rohstoffe (Erdöl, Erze, Soja etc.) bei. Trotz ebenfalls wachsender Importe – im Jahre 2010 auf $ 182 Mrd. – konnten weiter erhebliche Handelsbilanzüberschüsse akkumuliert werden (2010: $ 20 Mrd.).Allerdings haben sich die Importe in jüngster Zeit angesichts der Währungsaufwertung und wachsender Binnennachfrage stark beschleunigt (2010: + 42%), woran sowohl Konsumgüter (+46%) als auch Kapitalgüter (+37%) beteiligt waren. Im Saldo der Dienstleistungsbilanz schlagen erhöhte Importe von Diensten und steigende Zins- und Gewinnüberweisungen zu Buche (2010: - $ 71 Mrd.). Angesichts dieser starken Zuwächse hat sich im Jahre 2010 ein signifikanter Leistungsbilanzsaldo von $ 48 Mrd. (-2,3% des BIP) ergeben. Die im internationalen Vergleich weiterhin hohen inländischen Zinssätze, Wechselkursaufwertungen und ein fallendes Länderrisiko haben den Kapitalzufluss von Portfolio-Investitionen aus dem Ausland begünstigt. Sie erreichten 2010 einen Nettowert von $ 65 Mrd. Auch die ausländischen Direktinvestitionen lagen 2010 mit $ 37 Mrd. weiterhin auf einem Rekordniveau, sodass das Leistungsbilanzdefizit nicht nur ohne Schwierigkeiten finanziert werden konnte, sondern auch die Währungsreserven des Landes weiter deutlich anstiegen. Sie erreichten Ende 2010 $ 289 Mrd. Die Auslandsverschuldung betrug im September 2010 $ 248 Mrd. und wird damit durch die angesammelten Devisenreserven mehr als aufgewogen. Zudem hat sich das Gewicht der Auslandsverschuldung – in der Vergangenheit immer einer der neuralgischen Schwachpunkte des Landes – in den letzten Jahren deutlich reduziert. Ihr Anteil am BIP ist von 42 % im Jahre 2002 auf 12 % 2010 stark gesunken, verglichen etwa mit 97% in den USA. Der hohe Zufluss an Devisen aus Kapitalanlagen, der mit steigendem Wechselkurs korreliert und auch ein Risiko für die finanzielle Stabilität beinhaltet, besorgt die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger. Der Risikoaufschlag für das Länderrisiko (Spread) ist an den internationalen Finanzmärkten deutlich gefallen, alle großen Rating-Agenturen haben dem Land einen „Investmentgrad“ zuerteilt.. Angesichts des großen Wirtschaftspotentials, günstiger Rahmenbedingungen und steigender wirtschaftlicher Aktivitäten zählt Brasilien weltweit zu den bevorzugten Investitionsländern (nach UNCTAD weltweit an 3. Stelle nach China und Indien).Die Mittel flossen im starken Maße in den metallurgischen Sektor, den Automobilbereich und den Erdöl- und Erdgassektor.
6.1. Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland Deutschland ist der wichtigste europäische Handelspartner Brasiliens. Er war 2010 mit 7 % an den Gesamtimporten und 4 % an den Exporten Brasiliens beteiligt. Mit $ 12,6 Mrd. war Deutschland nach den USA, China und Argentinien das 4. wichtigste Lieferland, und mit $ 8,1 Mrd. stand es als Bezugsland brasilianischer Produkte an 5. Stelle. Mit $ 4,5 Mrd. ergab sich ein deutlich positiver deutscher Handelsbilanzsaldo. Deutsche Ausfuhren (+ 27 %) und Importe (+31%) mit Brasilien wiesen 2010 infolge der wirtschaftlichen Belebung in beiden Ländern eine dynamische Tendenz auf. Wichtigste deutsche Ausfuhrgüter nach Brasilien sind Maschinen und Fahrzeuge sowie chemische Produkte. Auf der Importseite fallen Eisenerze, Fahrzeuge, Kaffee, Soja- und Fleischexporte besonders ins Gewicht. 58% der brasilianischen Exporte nach Deutschland sind Rohstoffe, 42% Halb- und Fertigwaren. Die deutschen Direktinvestitionen erreichten Ende 2009 nach Angaben der brasilianischen Zentralbank einen Bestand von $ 15,5 Mrd. (4,5% aller ausländischen Direktinvestitionen), wobei die umfangreichen Re-Investitionen hierbei nicht berücksichtigt sind. In den letzten 3 Jahren belief sich der jährliche Zustrom an deutschen Direktinvestitionen auf durchschnittlich $ 1,8 Mrd., wobei im Jahre 2009 mit $ 2,5 Mrd. der höchste Jahreszuwachs in der letzten Dekade erzielt wurde. Großinvestitionen in der Stahl- und KfZ-Produktion hatten hieran einen maßgeblichen Anteil. Deutsche Unternehmen sind in der verarbeitenden Wirtschaft spürbar präsent. Deutliche Schwerpunkte bilden die Automobilindustrie, der Stahlsektor und die Chemieindustrie. Interessante neue Ansatzpunkte bieten sich beim industriellen Umweltschutz, bei erneuerbaren Energien und im agroindustriellen Sektor. Ca. 1200 deutsch-brasilianische Unternehmen beschäftigen rd. 250.000 Menschen. São Paulo weist den größten wirtschaftlichen Ballungsraum deutscher Unternehmen außerhalb Deutschlands auf. Derzeit besteht kein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Brasilien. Deutsch-brasilianische Handelskammern mit Sitz in São Paulo, Rio de Janeiro und Porto Alegre betreuen die Wirtschaftsbeziehungen, die auch durch die jährlich stattfindenden deutsch-brasilianischen Wirtschaftstage Impulse erhalten.
7. Wirtschafts- und Finanzpolitik
Die brasilianische Wirtschaftspolitik zeichnet sich seit dem Plano Real (1994) durch eine Stabilitäts-, Marktwirtschafts- und Weltmarktorientierung aus. Sie verfolgt eine fiskalische Disziplin, verbunden mit einer auf Inflationseindämmung gerichteten Geldpolitik. Die Regierung Lula (2003-2010) hat eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik betrieben: frühere Anfälligkeiten der brasilianischen Wirtschaft gegenüber externen Störungen wurden sichtbar reduziert, die Inflation verringert, die Verschuldungsindikatoren gesenkt und die Außenwirtschaft gestärkt. In der zweiten Amtsperiode der Regierung Lula ab 2007 rückte nach Sicherung der makroökonomischen Stabilität das Ziel eines verstärkten wirtschaftlichen Wachstums in den Vordergrund (2007-2010: + 4,1%). Dies ermöglichte eine deutliche Anhebung der realen Masseneinkommen sowie die Schaffung einer umfangreichen Zahl neuer Arbeitsplätze gerade auch im formellen Sektor. Diese Entwicklung war von großer Bedeutung für die Bemühungen, die weit verbreitete Armut im Lande zu reduzieren und bisher benachteiligte Bevölkerungsschichten am Entwicklungsprozess zu beteiligen. Das Programm zur Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums (PAC) hat durch verstärkte öffentliche Investitionen in die Infrastruktur, insbesondere im Transport- und Energiesektor, dazu beigetragen, die Konjunktur zu stabilisieren und die Grundlage für weiteres Wachstum zu sichern und auszubauen.Mit einer Steuerquote von 35 % des Sozialprodukts hat Brasilien im Vergleich zu vielen anderen Ländern mittleren Einkommensniveaus eine solide und real wachsende fiskalische Einnahmenbasis. Dies hat es in der letzten Dekade ermöglicht, trotz deutlich steigender Ausgaben des Staates den angestrebten Überschuss im öffentlichen Primärhaushalt (vor Zinsausgaben) von rd. 3 % des BIP zu erreichen. Da sich die Zinslast angesichts eines fallenden Zinsniveaus auf 6 % des BIP verringerte, konnte gleichzeitig das nominale Defizit der öffentlichen Haushalte auf rd. 3 % des BIP begrenzt bleiben. Die Regierung Lula hat die öffentliche Verschuldung seit Beginn ihrer Regierung im Jahre 2003 von 58 % des BIP auf 40 % 2010 reduzieren können (im Vergleich Eurozone: 79%). Die neue Präsidentin Dilma Roussef wird die bisherige Wirtschaftspolitik ihres Vorgängers Präsident Lula im wesentlichen fortsetzen. Bei einem erwarteten Wirtschaftswachstum von 4-5% soll die Stabilisierungspolitik fortgeführt und der Inflationsdruck durch fiskalische Konsolidierungsanstrengungen abgebaut werden (Begrenzung laufender Ausgaben, weiterer Abbau des Haushaltsdefizits, größere Effizienz bei den öffentlichen Ausgaben, Beseitigung der fiskalischen Konjunkturanreize 2009/2010). Ob dies gelingt, bleibt abzuwarten. Tragende Säulen der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung sollen die privaten und öffentlichen Investitionen bilden, wobei das Wachstumsprogramm PAC in der Phase 2 den Infrastrukturausbau forcieren soll. Priorität hat auch die Fortführung der sozialen Transferprogramme, mit der die Regierung Lula einen deutlichen Beitrag zum Abbau der Armut im Lande leisten konnte.
8. Geld- und Währungspolitik
Die brasilianische Zentralbank hat in den letzten Jahren eine erfolgreiche Politik der Inflationseindämmung geführt. Es gelang ihr, die Inflationsrate (gemessen am IPCA-Index) von 12,5 % p.a. zu Beginn der Regierung Lula (2003) auf 5,9 % im Jahre 2010 zu begrenzen, obwohl die Inflationsrate damit am oberen Rand des Zielkorridors lag (4,5% +/-2%). Begleitet war dies seit 2005 von einer Stufen weisen Rückführung des Basiszinssatzes (SELIC-Sistema Especial de Liquidação e Custodia) von 25% p.a. auf 12,75 % p.a. bis Anfang 2009 und entsprechend fallenden Realzinsen, die allerdings im internationalen Vergleich weiterhin recht hoch sind. Angesichts des Konjunktureinbruches 2009 führte die Zentralbank den Leitzins dann rasch weiter auf 8,75% zurück, um konjunkturunterstützend zu wirken. Die rasche wirtschaftliche Belebung, verbunden mit wachsender monetärer Binnennachfrage und steigendem Inflationsdruck veranlasste sie allerdings ab März 2010 in mehreren Schritten den Zinssatz auf 11,75% bis Anfang 2011 anzuheben. Auch wenn wichtige Wirtschaftssektoren dämpfende geldpolitische Maßnahmen als wachstumsbremsend einschätzen, steht für die geldpolitischen Entscheidungsträger das Ziel der Geldwertstabilisierung eindeutig im Vordergrund. Die brasilianischen Währungsautoritäten lassen den Kurs der Währung (Real) im wesentlichen frei schwanken (flexibler Wechselkurs). Angesichts der starken brasilianischen Außenwirtschaftssituation hat er sich insbesondere im letzten Jahr gegenüber dem US-$ deutlich aufgewertet, im Jahresdurchschnitt 2010 gegenüber dem Vorjahr um 15 % (Jahresendkurs R$ 1,67/ US $ 1). Hierzu trugen die Währungszuflüsse aus den Handelsbilanzüberschüssen und vor allem aus dem Zustrom von Auslandskapital bei. Die Aufwertung des Reals hat in der brasilianischen Wirtschaft Sorgen wegen der Wettbewerbsfähigkeit beim Export industrieller Güter und des erheblichen Importdrucks ausgelöst. Andererseits wirkt sich der Wettbewerbsdruck auch wieder kostensenkend, modernisierungsfördernd und damit leistungssteigernd in der Wirtschaft aus.
9. Entwicklungspolitik
Brasilien kann seine erheblichen Wachstumspotentiale – u.a. umfangreiche natürliche Ressourcen, engagiertes Humankapital, Innovationsfähigkeit, diversifizierte Wirtschaftsstruktur – einsetzen, um seinen weiteren Entwicklungsprozess voranzutreiben. Hierfür muss aber auch die wirtschaftliche Infrastruktur weiter ausgebaut werden, um die von der Regierung Rousseff avisierte Wachstumsrate von 4-6 % p.a. in den nächsten Jahren realisieren zu können. Insgesamt ist eine deutliche Anhebung der Kapitalquote erforderlich (derzeit 19% des BIP) und dafür bedarf es auch verstärkter privater Investitionen. In der 2. Amtsperiode der Regierung Lula (2007-2010) haben umfangreiche staatliche Investitionen, insbesondere auch der großen staatlichen Unternehmen, wichtige Wachstumsimpulse gegeben. Auch im PAC 2-Programm der Regierung Rousseff für 2011-2014 spielen staatliche Investitionen, etwa im Ölsektor, eine erhebliche Rolle. Insgesamt sind für PAC-Projekte Mittel in Höhe von Reais $ 955 Mrd. vorgesehen, davon sollen 48% in den Energie-, 29% in den Wohnungsbau- sowie 11% in den Transport- und 6 % in den Stadtentwicklungssektor fließen. Nachdem bisher staatliche Finanzierungen, insbesondere über die Entwicklungsbank BNDES, eine zentrale Rolle bei der Investitionsfinanzierung spielten, soll zukünftig der private Sektor verstärkt zur Mittelmobilisierung beitragen. Zugleich sollen solche Finanzierungen auf eine längerfristigere Basis gestellt werden. Förderlich für die wirtschaftliche Entwicklung könnten eine angestrebte erhöhte Effizienz bei den öffentlichen Ausgaben, eine geplante Steuerreform, die auch bestehende Investitionsbesteuerung mindert, sowie der Abbau von Wachstums hemmenden Faktoren administrativer, bürokratischer und juristischer Art sein. Von zentraler Bedeutung sind ferner der quantitative und vor allem der qualitative Ausbau von Bildung und Wissenschaft sowie die Förderung von wirtschaftlichen und technologischen Innovationen. Die Lebensbedingungen der brasilianischen Bevölkerung hat sich in den letzten Jahren auf breiter Basis verbessert: die Arbeitslosigkeit ist gesunken, die Beschäftigtenzahlen sind spürbar gestiegen, die Masseneinkommen gewachsen und die absolute und relative Armut hat sich reduziert, wozu auch der Ausbau der sozialen Transfers beigetragen hat. Trotz dieser Fortschritte lebten gemäß Erhebungen des Statistischen Bundesamtes IBGE im Jahre 2008 weiterhin rd. 11 % (19 Mio. Personen) der brasilianischen Bevölkerung in extremer Armut (1/4 Mindestlohn pro Kopf) und 29% in Armut (1/2 Mindestlohn), wobei diese Ziffern im Nordosten und Norden besonders ausgeprägt sind. Die Verbesserung der sozialen Lage dieser Bevölkerungsgruppen steht deshalb auch weit oben auf der Agenda der neuen Regierung Dilma Rousseff.
10. Perspektiven und Herausforderungen
Die Perspektiven für die brasilianische Wirtschaft sind angesichts der stabilen Binnen- und Außenwirtschaft sowie einer ausgewogenen Fiskal- und Geldpolitik günstig. Im sozialen Bereich hat der wirtschaftliche Aufschwung zu erhöhter Beschäftigung, breiteren und verbesserten Einkommen sowie einer Reduzierung von Armut beigetragen. Für den weiteren Entwicklungsprozess ist der quantitative und qualitative Ausbau der produktiven Kapazitäten der Wirtschaft unabdingbar. Hierfür sind Anhebung von Investitions- und Sparquoten, Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, Innovationen und Diffusion neuer Technologien wichtig. Hemmend wirken sich komplexe regulatorische Regelungen, Bürokratie, Mängel in Qualität und Effizienz öffentlicher Leistungen, Infrastrukturengpässe und Probleme der inneren Sicherheit aus. Daraus ergibt sich die Herausforderung, die angestrebten Reformen im Fiskalsektor, bei den sozialen Sicherungssystemen und der Regierungsführung im Allgemeinen systematisch weiterzuverfolgen. Umfangreiche Investitionen im öffentlichen Infrastrukturbereich und im Bildungssektor sind unabdingbare Voraussetzungen für anhaltendes Wachstum. Trotz erreichter Verbesserungen sind Armut und Ungleichheit bei Einkommens- und Vermögensverteilung und Zugang zu den Produktionskräften weiterhin hoch und Korrekturmaßnahmen daher notwendig. Ferner führen regionale Ungleichgewichte zu Störungen des Entwicklungsprozesses. Diese Probleme tragen zu sozialen Spannungen und Beeinträchtigungen der öffentlichen Sicherheit bei, welche die gesellschaftliche Kohärenz beeinträchtigen. Ebenso stellt eine umweltverträgliche und nachhaltige Nutzung der Naturressourcen des Landes im Entwicklungsprozess weiter eine große Herausforderung dar. |